Montag, 27. Februar 2012

Tempo 30 salonfähig

VERKEHR Gedankenaustausch auf einer Veranstaltung der Bündnisgrünen in Bad Kösen. Das Thema Ortsumgehung blieb dabei allerdings ausgespart.

VON MICHAEL HEISE

BAD KÖSEN - Dass in Bad Kösen künftig fast überall Tempo 30 gefahren wird, damit kann sich offenbar eine Mehrheit anfreunden, wertet man die Stimmen auf einer Diskussionsveranstaltung, zu der die Bündnisgrünen unter Leitung des Goseckers Frank Albrecht eingeladen hatten, als repräsentativ. Zum "Grünen Salon" in der "Schönen Aussicht", der sich diesmal einem "Verkehrskonzept für Naumburg" widmete, jedenfalls fand das Ansinnen deutlich mehr Befürworter als Gegner. So sagte Helmut Schache, Vorsitzender des Vereins "Rettet das Saaletal", für Bad Kösen als Heilbad sei Tempo 30 sinnvoll und begrüßenswert. In der Vergangenheit wäre man deswegen bei der Verkehrsbehörde leider nicht gehört worden. Bürgermeister Gerd Förster (parteilos) verwies darauf, dass in anderen Kurorten sogar ein Nachtfahrverbot für den Schwerlastverkehr gelte. Das wolle man zwar nicht, wohl aber eine für Bad Kösen angemessene Lösung.

Verkehrssicherheit nahm zu

Zwangsläufig landete die Diskussion damit bei der Verkleinerung des 30er Bereiches auf der Bundesstraße 87 durch den Kreis (Tageblatt/MZ berichtete). Für diese Maßnahme habe man kein Verständnis, so Förster, da die Verkehrsberuhigung und -sicherheit am Kirchberg in der Vergangenheit zugenommen habe. Allerdings erst, nachdem die beiden Blitzer in Betrieb genommen worden seien. Förster: "Die Blitzer waren das letzte Mittel, denn die Geschwindigkeitsbeschränkung haben vorher die wenigsten eingehalten." Petra Stark, Vorsitzende des Elternvereins "Pusteblume" sagte, dass sämtliche Anläufe für eine Verkehrsregulierung fehlgeschlagen seien. "Ein Überweg mit einer Bedarfsampel ist am Kirchberg versagt worden mit dem Verweis auf einen zu kurzen Sichtbereich der Kraftfahrer an dieser Stelle. Die Verkehrsinsel hilft zwar, kann aber keine endgültige Lösung sein. Mit Kindergruppen kann man so nicht geschlossen die Straße überqueren", so Stark.

Widerspruch in Argumentation

Das Argument des Sichtbereiches könne sie heute übrigens nicht mehr teilen, denn anderswo sei dieser auch nicht gegeben. Als Beispiel nannte sie Camburg. Stark: "Wie es scheint, haben die Verkehrsbehörden in den Ländern unterschiedliche Ansätze. Was in Thüringen geht, funktioniert in Sachsen-Anhalt noch lange nicht. Hier hat zügiges Fahren offensichtlich Vorrang vor Sicherheit." Protest in der Runde meldete der Naumburger Gerd Jessat an. Er meinte, man könne nicht überall, wo sich Kindergärten oder Schulen befänden, 30er Zonen anlegen.

Uwe Zeidler sah einen Widerspruch in der Argumentation für Tempo 30 in Bad Kösen, da der Lielje-Ring von dieser Regelung ausgenommen werden solle. "In der Nähe befinden sich doch die Kliniken und der Kurbereich, und gerade hier soll die Begrenzung nicht gelten?", fragte er. Eine schlüssige Antwort darauf gab es nicht.

Weitere Maßnahmen gefordert

Günther Schlegel aus Lengefeld forderte, die Diskussion um eine 30er-Regelung in Bad Kösen im Komplex mit anderen Dingen zu sehen. Als unmittelbarer Anwohner des Kalkwerkes mahnte er nicht nur geeignete Maßnahmen zur Staub- und Lärmvermeidung auf dem Betriebsgelände an sich an, sondern vor allem ein Fahrverbot für Transporter durch die Bahnhofsstraße. Diese sollten ausschließlich die Kalkwerkstraße nutzen, sagte er.

Armin Müller, Leiter des Oberbürgermeister-Büros, kam unter anderem auf die Bahn zu sprechen. Naumburg unternehme im Verbund mit anderen Städten große Anstrengungen, einen angemessenen Ausgleich für den bevorstehenden Wegfall des ICE-Haltes zu erhalten. Diesen Ausgleich sehe man vor allem in einer regelmäßigen Regionalanbindung an die Ballungszentren Leipzig und Erfurt.

Zusammenspiel von Bus und Bahn

Dafür stünden die Zeichen gut. Große Hoffnung setze man dabei in das so genannte Schnittstellenprogramm des Landes, mit dem das Zusammenspiel von Bus und Bahn verbessert und die Bahnhöfe attraktiver gestaltet werden könnten. Großen Nachholbedarf gebe es in Bad Kösen, wo die Stadt gerade in Kaufverhandlungen wegen des Bahnhofs sei. Kritische Töne kamen von einer Einwohnerin Hassenhausens, die auf eine dort miserable Fußwegesituation verwies. Man könne nicht mit einem tollen Radwegenetz werben, wenn man andererseits nicht mal sauberen Fußes und sicher durch den Ort käme, argumentierte sie.

Ein Teilnehmer aus Bad Kösen bemängelte die Versorgung mit Geschäften in der Altstadt. Es mache keinen Sinn darüber zu reden, wie man Verkehr vermeiden kann, wenn man das Auto brauche, um den Einkauf erledigen zu können. Helmut Schache sagte, dass Bad Kösen es in der Vergangenheit vergeblich versucht hatte, Handelsunternehmen zu bewegen, sich im Altstadtbereich anzusiedeln. "Da führte kein Weg rein, und heute hat Bad Kösen mindestens einen Supermarkt zu viel", so Schache.

Ermutigung zur Modellregion

Frank Albrecht ermunterte die Stadt Naumburg, sich als Modellregion in Sachen Verkehr zu etablieren und das Potenzial von Bahnanbindung, ÖPNV, Rad- und Wanderwegenetz auf eine "höhere Stufe" zu stellen. Unerwartet völlig ausgespart blieb im "Grünen Salon" eine Diskussion um die Ortsumgehung Naumburg-Bad Kösen. Wohl deshalb, da deren Gegnern an diesem Abend schon die Rücknahme der Klage durch den Naturschutzbund (Tageblatt/MZ berichtete) bekannt gewesen sein dürfte.


»Naumburger Tageblatt«, 27.2.12, S. 13

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